Amnesty International Gruppe 1020

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Gruppe 1020

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Link zum Amnesty-Jahresbericht 2016 MEXIKO:

http://www.amnesty.de/jahresbericht/2016/mexiko

Lang ist's her - der erste Mexiko-Fall der Gruppe

Der erste Fall im „Gedächtnis“ der Gruppe war SIMON HIPOLITO CASTRO, bearbeitet von 1976 bis 1978. Was hat man in der Hand, wenn man so eine Fallakte von der Amnesty-Zentrale in London bekommt? Wir erfuhren, dass man den Maurer S.H.C. aus Cuernavaca im Bundesstaat Morelos (nicht weit von Mexico City) im August 1975 verhaftet hatte; danach sollte er gefoltert worden sein. Jetzt saß er im Gefängnis und ihm drohte ein Prozess wegen eines Bankraubs. Mindestens 7 weitere Häftlinge waren wegen desselben Bankraubs inhaftiert - wir haben damals immer von einem „Go-in in der Bank“ gesprochen.......... Als Kontakt nach Cuernavaca wurde uns ein holländischer Jesuitenpater genannt, samt Adresse. Unsere Aufgabe war es zunächst, herauszufinden, ob es sich bei SHC tatsächlich um einen Kriminellen handelte und ob die Foltervorwürfe stimmten. Wir finden schnell heraus, dass die Foltervorwürfe höchstwahrscheinlich berechtigt sind; der Pater und auch die Diözese sind überzeugt, dass Simon und die anderen Häftlinge unschuldig sind. In den folgenden Jahren schreiben wir also zahlreiche Briefe an die Staatsanwaltschaft, den Gouverneur von Morelos, den Justizminister von Mexiko und auch den mexikanischen Präsidenten; wir bekamen auch einige nichtssagende Antworten mit Verweisen auf irgendwelche mexikanischen Paragrafen. Wir schicken auch Briefe ins Gefängnis, an SHC. Bei einem Heimatbesuch des holländischen Paters können wir diesen treffen; dabei erfahren wir viel über mexikanische Realitäten. Langsam wird uns einiges klar: wieso werden in diesem Land offensichtlich Unschuldige verhaftet und gefoltert, bis sie ein „Geständnis“ unterschreiben, und schließlich – man ist ja ein Rechtsstaat! – vor ein ordentliches Gericht gestellt? In diesem Fall sind Polizei und Staatsanwaltschaft offenbar einerseits korrupt, andererseits aber ineffizient – da ist es wohl einfacher, ein paar arme Schlucker zu verhaften (S. war bei seiner Verhaftung gerade dabei, den Hof einer Schule zu pflastern), als mühsam Ermittlungen zu führen. Außerdem war SHC anscheinend in einer Gewerkschaft aktiv und eine Zeit lang auch Mitglied der langjährigen Regierungspartei PRI, aus der er dann aber austrat. Der Prozess wird eröffnet und schleppt sich hin, im Dezember 1977 wird Simon mit 7 weiteren Angeklagten schuldig gesprochen – Grundlage sind die erfolterten Geständnisse – und zu 36 Jahren Gefängnis verurteilt. Wir sammeln Geld für Simons Familie, wo ja jetzt der Ernährer fehlt, und protestieren in – selbstverständlich – weiterhin höflichen Briefen gegen das Urteil und die Inhaftierung. Wir machen Öffentlichkeitsarbeit – soweit ich mich erinnere, berichteten die örtlichen Zeitungen mindestens ein Mal über unseren Einsatz für SHC) Es kann sein, dass diese Briefe und unsere dem Renommee Mexikos jedenfalls nicht förderlichen Öffentlichkeitsaktionen die mexikanischen Behörden letztendlich irgendwann so genervt haben, dass er Ende Dezember 1978 plötzlich begnadigt wurde – mit ihm nur noch zwei weitere von 15, nach Simons Angaben, „politische“ Gefangene. Man stelle sich das vor: ein zu 36 Jahren Gefängnis verurteilter (angeblicher) Schwerverbrecher wird sang- und klanglos nach relativ kurzer Haftzeit amnestiert – da muss doch etwas faul sein .............. SHC hat im Gefängnis ein Buch geschrieben: De albañil a preso politico, „Vom Maurer zum politischen Gefangenen“. Das Buch wurde durch unsere Vermittlung ins Deutsche übersetzt. Wie konnte er überhaupt die Manuskriptseiten aus dem Gefängnis schmuggeln - offiziell hätte er das Kapitel über die Folterungen oder seine sozialkritischen Reflexionen über den „Zerfall der Familie“ bzw. „Ursachen und Folgen der Jugendkriminalität“ sicher nicht aus dem Gefängnis ausführen können....... Das verrät Simon im Buch selbst nicht – wir wissen es aber: er arbeitete im Gefängnis auch als Bäcker und durfte seiner Familie selbst gebackene Brote zukommen lassen; die beschriebenen Seiten hat er in die Brote eingebacken! Natürlich freuten wir uns, als wir im Buch folgende Widmung lasen: „Für die Gruppe 20 von Amnesty International in der Bundesrepublik Deutschland, zur Anerkennung der wertvollen Unterstützung dieser Organisation für alle politischen Gefangenen der Welt. Meine unendliche Dankbarkeit, S:H.C.“

Nachdem wir einige Jahre einen weiteren Häftling der Gruppe von politischen bzw. „Gewissensgefangenen“ aus Cuernavaca betreut hatten, der dann schließlich auch seine Freiheit wiedererlangte, erhielten wir 1987 plötzlich einen umfangreichen, maschinengeschriebenen Brief aus Mexiko: Der schon erwähnte holländische Jesuitenpater hatte Uschis Adresse an einen verzweifelten Vater gegeben, der uns um Hilfe bat, weil die Polizei von Cuernavaca seinen Sohn verhaftet hatte. Dieser Sohn hieß Gerardo Tafolla Soriano,und war ein bisher unbescholtener Rechtsanwalt. Hatten wir also einen neuen Mexiko-Fall!? Aber langsam: Wenn eine Amnesty-Gruppe von einem Fall erfährt, kann sie sich nicht so einfach an die Arbeit machen! Zunächst gilt es zu klären, ob es sich tatsächlich um einen Fall von Menschenrechtsverletzung handelt und ob er in das Mandat von Amnesty International fällt. Also schickten wir die Unterlagen aus Mexiko an die Amnesty-Zentrale in London. Diese prüfte und recherchierte, und nach relativ kurzer Zeit erhielten wir den Fall des inhaftierten Rechtsanwalts Gerardo Tafolla Soriano zur Bearbeitung, zunächst als sogenannten „Untersuchungsgefangenen“: immerhin beschuldigte man ihn unter anderem des Diebstahls, der Plünderung und Körperverletzung (unter Anwendung einer Schusswaffe). Relativ schnell stellt sich heraus, dass Gerardo T.S. offenbar einflussreichen Persönlichkeiten im Bundesstaat Morelos lästig geworden war. Er hatte erfolgreich einige Kleinbauern vertreten, deren Land ein Großgrundbesitzer an eine US-Filmgesellschaft verkauft hatte. Damit hatte Tafolla Soriano sich bei dem Großgrundbesitzer natürlich nicht beliebt gemacht – und auch nicht beim Gouverneur des Bundesstaates Morelos, der den Kleinbauern ursprünglich das Land zugesichert hatte. Man darf wohl davon ausgehen, dass diese beiden Mitglieder der Privilegiertenschicht von Morelos sich kannten – jedenfalls war der unliebsame Rechtsanwalt jetzt also im Gefängnis und damit vorläufig kaltgestellt. Wir begannen wieder, Briefe zu schreiben und Aktionen zu planen, u.a. kontaktierten wir ein Kölner Rechtsanwaltsbüro, das sich unentgeltlich und sicher wesentlich wirksamer als wir an die mexikanischen Justizbehörden wandte. Leider ist die Dokumentation über diesen Fall nicht so gut wie bei Simón; anscheinend wurde GTS aber schon Ende 1988 oder spätestens 1989 entlassen.

2015 haben wir im Internet recherchiert und zu Gerardo Dokumente gefunden, für die Uschis Spanisch nicht ausreicht – jedenfalls scheint er 2013 noch im Bundesstaat Morelos gelebt zu haben. Den Namen Simón Hipólito Castro haben wir in die Suchmaschine eingegeben, ohne eigentlich große Hoffnungen zu haben – was findet man schon im Internet über einen Handwerker, der wahrscheinlich bei seinem Leisten geblieben war? Aber siehe da: Im Diario (Zeitung) von Morelos vom 17. Juni 2012 findet sich ein längerer Artikel mit der Überschrift: „Er war Migrant aus politischen Gründen: Simón Hipólito Castro“. Simón wird im Artikel als Journalist, ehemaliger Korrespondent einer wichtigen nationalen Zeitung und Schriftsteller bezeichnet; 2012 war er Presse- und Vertriebschef der Vereinigung von Menschen aus Morelos in den Vereinigten Staaten und Kanada. Welche eine Karriere für einen Mann, der nach eigenen Angaben nur 3 Jahre zur Schule ging! Und: er erwähnte im Interview, das dem Zeitungsbericht zugrunde lag, die Amnesty-Gruppe 20, die sich für ihn einsetzte. Leider ist es uns bisher (Anfang 2017) nicht gelungen, wieder mit ihm Kontakt aufzunehmen.